“Boarding Completed” – Ein Kommentar

Gestern fand die Premiere des vom Ehepaar Ruda mit Geflüchteten einstudierten Stückes “Boarding Completed” statt. Nachdem alle Plätze im Helios-Theater belegt waren, ging es los. Die Schauspieler betraten mit einer Selbstverständlichkeit die Bühne, als wenn sie Profis und nicht Laien, ja sogar Theaterneulinge und Teilnehmer von Deutschsprachkursen wären.

Eine Handvoll Personen strandet an einem Flughafenterminal. Es erscheint vollkommen beliebig wie einige Passagiere ins Flugzeug gelassen werden und andere die Wartezone nicht verlassen dürfen. Zur Einschüchterung erscheint dann auch noch eine Art Agent, der den Gefangenen die Pässe abnimmt und lautstark und unmissverständlich mitteilt, dass sie den Wartebereich nicht verlassen dürfen.

Die einzelnen Charaktere werden sodann herausgestellt und schnell erkennbar.

Da gibt es den Draufgänger, der die Enge der Wartezone ausnutzt, um die anwesenden Frauen anzubaggern. Es gibt die Schöne, die seine Avancen freundlich aber bestimmt zurück weist, offensichtlich ist es nicht das erste Mal, dass sie Männer in die Schranken weisen muss. Es gibt den Nerd, der sich nicht traut einer weiteren seine Gefühle zu offenbaren. Und es gibt einen, für den die Zeit nicht ein reines Warten, sondern eine Qual und am Ende sogar eine Tragödie bedeutet. Er ist von Anfang an aggressiv, muss vom Wachmann mit körperlicher Gewalt daran gehindert werden die Zone zu verlassen. Am Ende zeigt sich, warum für ihn die zeitige Weiterreise so wichtig war. Die schauspielerische Leistung ist in dem Moment erheblich, wo er uns seine Geschichte erzählt und durch glaubhafte Emotion mitreißt in seine Realität.

Zwischendurch wird man in die Gegenwart zurück geholt, etwa als auf einmal Demonstranten auftauchen und für die Freilassung der Gestrandeten demonstrieren. Tolles Stilmittel ist dabei das Verstummen und Eintauchen in ein Agieren in Zeitlupe der Demonstranten, sodass die Passagiere sich zur Situation äußern können. Sie begreifen: “Die sind unseretwegen hier.” Hoffnung keimt auf, welche der tragisch Verzweifelte sogleich wieder zerstört indem er meint: “Meint Ihr das ändert etwas? Das ändert gar nichts!”

In diesem Moment spürt man einen Klos im Hals und sieht auf einmal Ereignisse aus den letzten beiden Jahren an sich vorbei ziehen, die die Schauspieler und nicht die Rollen im Stück persönlich betreffen. Man erinnert sich an den Sommer 2015, in dem Menschen Menschen Willkommen geheißen haben und unglaublich viel Freundlichkeit zu spüren war. Und man sieht die Situation jetzt, wo tausende in Lagern festsitzen, genauso verzweifelt sind wie die Akteure im Stück, Familienmitglieder voneinander getrennt sind und eben auch wenig Hoffnung auf eine wirkliche positive Veränderung besteht.

Was dieses kleine Stück leistet ist das Versetzen in die Lage von Menschen, die gefangen sind, getrennt von denjenigen, die sie gern haben. Es bewirkt Empathie für das Erleiden von unmenschlichen Zuständen und Empathie für diejenigen Menschen, die es zu uns geschafft haben, nachdem sie oft genau diese Situationen durchlebt haben, die sie uns in dem Stück zeigen.

Chapeau liebe Theatergruppe!

Chapeau liebe Rudas!

4 Gedanken zu „“Boarding Completed” – Ein Kommentar“

  1. Lieber Martin, du fasst die Gefühle vieler Besucher sehr gut zusammen. Das Stück hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht = alles richtig gemacht!
    Es war ein wunderbarer Abend und das Helios Theater ein toller Rahmen für die mutigen Laiendarsteller, die in einer ihnen fremden Sprache sehr emotionsvoll und eindrucksvoll gespielt haben.
    Ich würde mich riesig freuen, wenn dieses Projekt wiederholt würde und bin gespannt, was da noch kommt.
    Auch von mir Glückwunsch an das gesamte Theaterteam!

  2. Wenn man es nicht Wüste waren die Spieler nicht als aAfghanen zu erkennen. Das sind Jugendliche aus Hamm die einem alle Tage begegnen können in all ihrem unterschiedlichen Verhalten untereinander und in gravierenden Stresssituationen : bis auf den sehr aggressiven lauten explosiv gewaltätigen Beamten. Sollten einige? oder alle eine solche Behandlung schon mal erlebt haben dann hoffe ich das dass nicht in Deutschland war denn ich vertraue auf unseren Rechtsstaat wenn es auch manchmal sehr schwer fällt zu akzeptieren dass Geduldete noch nach 20 Jahren Hals über Kopf nach Kathmandu abgeschoben werden (ein kleiner Trost : ein Urlauber aus Heessen hat vor etwa 20 Jahren eine Arme Nepalesin kennen gelernt und merhrere Jahre unterstützt . Sie hat deutsch und englisch lernen können und zum Absclhluss war siezweimal einige Wochen in Heessen. Sie wäre gerne für immer in Deutschland geblieben aber der Spender (jetzt schon lange verstorben) hat darauf bestanden dass sie nach Nepal zurückkehre. Sie hatte dort ein Einkommen als Lehrerin worauf mein Gewährsmann sehr stolz war

  3. Wenn man nicht wuesste dass die Darsteller Afghanen sind , Darsteller, welche erschieden ,je nach Geschlecbt, Alter und Temlerament in sehr belastenden Situationen autentisch glaubhaft reagieren dann koennte man sie fuer ganz gewoehiche unauffaellige Jungen und Maedchen aus Hamm halten die hier geboren und aufgewachsen sind, Auffaellig fand ich die Darstellung der sehr lauten, agressiven und rabiat (von rabies – Tollwut) gewalttaetigen Amtsperson, die ich in einem Rechtsstaat wie Deutschland so nicht erwarte, Spielen da Erinnerungrn aus Heimat und von der Flucht einr Rolle und es sind Aengste die sie naecbtens ueberfallen-Vieleicht doch nach vollzehbar wenn man erleben muss wie seit 20 Jahren Geduldete ploetzlich bei Nacht und Nebel nach Nepal abgeschoben werden, ganz rechtaessig auch wenn Urtescindung und Ausfuehrung 20 Jahre braucben

  4. Hallo, auch wir als Familie haben uns die Aufführung angesehen. Dazu gehören mein deutscher und pakistanischer Pflegesohn. Sie waren Beide auf ihre ganz persönliche Art berührt. Muhammad weil er Gewalt und Übergriffigkeit selber erlebt hat. Zuhause haben wir noch eine Nachbesprechung gemacht. Diese war zwingend notwendig. Durch Muhammad bin ich nun öfter im Amt für Asyl. Dort sind einigeMitarbeiter nur verbal ablehnend und abwertend. Bei den besuchen, als ich bzw wir dort waren. Respekt und würdevolles Verhalten ist auch in unseren Hammer Behörden keine Selbstverstänlichkeit. Diese Mitarbeiter sollten bei solchen Veranstaltungen dienstverpflichtet werden, solche Projekte aufzusuchen, als Fortbildungsmaßnahmen. Damit sie die Möglichkeit haben mit mehr Empathie ihren Job zu machen.

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